Was kommt auf eure Haut – Mineralöl oder Pflanzenöl?

Kosmetikhersteller rühren alle nur mit Wasser – und mit Fett. Klingt unspektakulär, ist jedoch von qualitätsbestimmender Wichtigkeit. Prinzipiell können Verbraucher zwischen drei Varianten wählen:

  1. Pflanzliche Öle = vorwiegend Triglyceride, z.B. Butyrospermum (Shea-Butter), Helianthus Annuus (Sonnenblumenöl), Simmondsia Chinensis (Jojoba)
  2. Mineralöl-Derivate = gesättigte, kettenförmige Kohlenwasserstoffe, z.B. Paraffinum Liquidum, Petrolatum, Paraffin
  3. Silikonöle = synthetische Polymere (Kunststoffe), z.B. Cyclopentasiloxane, Cyclohexasiloxane, Dimethicone

Wohl kaum ein Inhaltsstoff wird so kontrovers diskutiert, wie Mineralöl und seine Derivate (Stoffe mit ähnlicher chemischer Struktur). Hersteller konventioneller Kosmetik, aber auch einige Dermatologen und Experten halten streng kontrollierte Mineralöle für langjährig erprobte, sehr gut verträgliche Inhaltsstoffe. Naturkosmetik-affine Experten, Umweltschützer und zunehmend mehr Verbraucher hingegen sehen petrochemische Stoffe äußerst kritisch. Beim Thema „Fettphase“ (Öle und fettlösliche Stoffe einer Creme) reden sich Vertreter beider Seiten in Rage – und an schlagkräftigen Argumenten mangelt es nicht. Der sachliche Diskurs bleibt dabei auf der Strecke, denn die Fronten sind ideologisch verhärtet.

hautTATSACHEN wird  deshalb als Staatsanwalt und Verteidiger in Personalunion auftreten und euch, liebe Mitwisser, zu Geschworenen und Richtern ernennen, damit ihr euch nach dem Schlagabtausch „Mineralöl-Derivate vs. Pflanzenöle“ euer eigenes Urteil bilden könnt.

 

Was ist besser in Kosmetik: natürliches Öl oder Paraffine?
Eckdaten: Mineralöl-Derivate und Pflanzenöle

Prima oder schlecht?

 

Piktogramm-neutral
So neutral wie die Schweiz

“Mineralölderivate wie Paraffin gelten – wie der lateinische Name „parum affinis“ – d.h. „wenig verwandt“, bzw. „wenig reaktionsfähig“ schon sagt, als neutral”


Befürworter konventioneller Kosmetik sagen: Prima! Denn entsprechend gering ist das Allergie-Risiko. Pflanzliche Öle hingegen setzen sich aus vielen unterschiedlichen Stoffen zusammen. Und mehr Inhaltsstoffe bedeuten prinzipiell ein höheres Allergie-Risiko.

Naturkosmetik-Anhänger sagen: Schlecht! Denn Mineralöl-Derivate sind nur deshalb reizarm, weil sie keine „wirksamen“ Substanzen enthalten. Sie können die natürliche Hautbarriere nicht unterstützen, weil ihre Fett-Struktur anders aufgebaut ist, als die Lipid-Struktur der Haut. Auch Allergiker sind nicht zwangsläufig auf Mineralöl-Derivate angewiesen: Sie können auf rein pflanzliche Esteröle zurückgreifen, die neutral und reizfrei sind. 

 

Okklusionsfilm
Die Hautfeuchtigkeit kann nicht entweichen

“Mineralöl-Derivate bilden einen Film, der die Feuchtigkeit in der Haut hält”


Befürworter konventioneller Kosmetik sagen: Prima! Dadurch wird der natürliche Verlust hauteigener Feuchtigkeit (transepidermal water loss = TEWL) reduziert. Wird das Wasser in der obersten Hautschicht, dem „Stratum corneum“ zurückgehalten, macht sich ein schneller Effekt bemerkbar. Denn je besser das Feuchtigkeitsdepot aufgeladen ist, desto frischer und praller das Aussehen.

Naturkosmetik-Anhänger sagen: Schlecht! Denn durch die zurückgehaltene Feuchtigkeit (Schweiß), quellen die oberen Hautschichten auf. Wird die Schicht schließlich mit fettlösenden Reinigern abgewaschen, entweicht die Hautfeuchtigkeit um so schneller.

 

geschütze Haut
Auf Nummer sicher…

“Creme auf Mineralölbasis schützt die Haut”


Befürworter konventioneller Kosmetik sagen: Stimmt! Bei extremen Witterungsbedingungen (z.B. eisiger Kälte) oder bei stark geschädigter Haut wirkt ein stabiler, neutraler Fettfilm schützend.

Naturkosmetik-Anhänger sagen: Falsch! Auf Dauer wird das Hautgleichgewicht durch die extremen Wechsel zwischen „versiegeln“ und intensiver, fettlösender Reinigung geschädigt. Zurück bleibt dann eine trockene, rissige und damit anfällige Hautoberfläche. Nur zur vorrübergehenden Stabilisierung extrem funktionsgestörter Haut kann der Einsatz von Mineralöl sinnvoll sein.

 

wasserfest
Kussecht um jeden Preis?

“Produkte auf Mineralölbasis sind wasserfest”


Befürworter konventioneller Kosmetik sagen: Prima! Bei Lippenstiften und Wimperntusche garantieren die wasserabweisenden Mineralöl-Derivate farbechte Küsse und tränenfeste Wimperntusche. Wasserfeste Mascara kann in der Naturkosmetik nicht angeboten werden.

Naturkosmetik-Anhänger sagen: Stimmt! Naturkosmetische Lippenstifte muss man öfter nachziehen. Dafür sind sie unbedenklich – im Gegensatz zu Lippenstiften auf Mineralölbasis. Denn Paraffine können sich in der Leber und den Lymphknoten anreichern.1

 

Ist Naturkosmetik teuer?
Hier lohnt es sich genauer hinzusehen …

“Kosmetikprodukte auf Mineralöl-Basis sind günstig”


Befürworter konventioneller Kosmetik sagen: Stimmt! Mineralöl-Derivate oxidieren nicht, d.h. sie werden nicht ranzig. Dadurch sind sie besonders lange halt- und lagerbar. Dies ermöglicht insgesamt eine preiswerte Produktion mit verlässlichen Ergebnissen.

Naturkosmetik-Anhänger sagen: Stimmt! In den Disziplinen Haltbarkeit und Preis können Pflanzenöle nicht mithalten. Trotzdem sind Pflegeprodukte auf Mineralölbasis nicht per se günstig: Die Zeitschrift “Ökotest” untersuchte 15 Lippenstifte im Wert zwischen 3 und 30 Euro. Die Produkte konventioneller Kosmetikhersteller enthielten allesamt Paraffine – egal ob Drogerieartikel oder Luxus-Model.

 

Mineralöl abbaubar?
Schaden Öl-Derivate der Umwelt?

“Die Umweltbelastung durch Mineralöl-Derivate ist gering”


Befürworter konventioneller Kosmetik sagen: Stimmt! Z.B. Paraffinum liquidum wird lediglich als “leicht wassergefährdend” eingestuft, da eine mechanische Separation (Trennung) möglich ist und das Wasser in den Kläranlagen so wieder gereinigt werden kann.2

Naturkosmetik-Anhänger sagen: Naja … Paraffinöl (immerhin in Pharma-Qualität) wird als biologisch schwer abbaubar eingestuft. Zugleich wird empfohlen, die Substanz nicht in Gewässer, Abwasser oder das Erdreich gelangen zu lassen.3 Darüber hinaus werden weltweit jedes Jahr 50.000 Tonnen Paraffin (etwa die Größe eines Öl-Tankers) allein für die Kosmetik-Industrie verarbeitet.4

Und was kommt auf eure Haut?

Liegt eure Präverenz bei High-Tech-Kosmetik oder cremt ihr euch lieber mit natürlicher Pflege schön? hautTATSACHEN möchte Euer Urteil ja nicht beeinflussen, nur so viel sei verraten: Wir finden ja, dass verwischter Mascara ziemlich sexy aussehen kann …

Quellen:

  1. Ökotest: Lippenstifte, Juni 2014, N. 1495
  2. Caelo, Sicherheitsdatenblatt Paraffinum liquidum
  3. Roth, Sicherheitsdatenblatt PARAFFINÖL Ph.Eur., DAB, dünnflüssig
  4. Baden-Württemberg.de: Nachhaltig handeln leicht gemacht

4 Kommentare

  1. Ich finde Euren blog dermaßen spannend, Glückwunsch. Mich würde interessieren, wie geht Ihr den mit Empfehlungen an Allergiker um. Das ist bei unseren Waschmittel immer wieder ein Thema. Die sind zwar ökologisch, meist auch vegan, enthalten aber zum Teil entweder pflanzliche Duftstoffe( natürlich aus k.b.A.) oder Molke. Das macht es für Allergiker jedoch immer wieder zum Risiko. Wie seiht´s da im Kosmetikbereich aus?
    putzKULTIGE Grüße

    1. Hallo Ti,
      vielen Dank für das Kompliment! Wir freuen uns, dass du hautTATSACHEN auch so spannend findest wie wir.
      Nun zu deiner Frage: In der Kosmetik sind Duftstoffe – selbst wenn sie pflanzlicher Herkunft sind und aus kontrolliert biologischem Anbau stammen – für Allergiker immer wieder ein Problem. Das liegt daran, dass sich natürliche Duftstoffe (meist ätherische Öle) aus vielen hunderten Einzelsubstanzen zusammensetzen. Und je mehr Einzelsubstanzen, desto höher das Risiko allergischer Reaktionen. Deshalb hat inzwischen fast jede Naturkosmetiklinie eine “frei von”-Serie. Die riechen natürlich nicht so fruchtig, sind aber auf alle Fälle verträglicher. Menschen, die trotz empfindlicher Haut nicht auf leckeren Duft verzichten wollen, empfehlen wir bei neuen Produkten zunächst immer erst eine kleine Portion an der Arm-Innenseite zu testen, bevor sie auf größere Hautareale oder das Gesicht aufgetragen werden.

      Liebe Grüße
      Dein hautTATSACHEN-Team

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