(Azo)Farben in Kosmetik

Man findet sie in Cupcakes, dem kirschroten Lippenstift und dem wunderschönen violetten Gürtel, den es im Modeladen um die Ecke zu kaufen gibt. Farben. Im Februar hat uns das Fräulein Immergrün eine Frage zu genau diesen gestellt. Nach anfänglicher Recherche wurde uns schnell klar, dass dies ein etwas komplizierteres Thema ist, besonders wenn es sich um sogenannte Azofarben handelt. Aber an Herausforderungen wächst man ja. Deswegen gibt es nun eine Einführung in das Thema Farben und Azofarbmittel!

Schöne Welt der Farben

Farben, Verwendung und Arten

Eine Welt ohne Farben wäre sicherlich furchtbar langweilig. Farben bringen Abwechslung. Deswegen färben wir ja auch unsere Haare oder wechseln die Kissenbezüge auf der Couch. Modefirmen sowie Kosmetikfirmen suchen nach immer neuen Farbnuancen, um im nächsten Jahr wieder neue, wunderschöne Lippenstifte, Lidschatten und Kleider auf den Markt zu bringen (bei Kosmetik werden Farben mit CI (Colour Index) gekennzeichnet, in Lebensmitteln ist es ein E (E wie Europa und edible/essbar)).

Dabei stehen ihnen grundsätzlich 3 Arten von Farben zur Verfügung:

  1. Mineralische Farben (z.B. Tonerde, Eisenoxid oder Titanoxid)
  2. Organische Farben (z.B. Henna, Karminrot)
  3. Synthethische Farben (z.B. Azofarben)

 

 

Azofarben

Die größte Gruppe unter den sythethischen Farbmitteln bilden die Azofarben mit circa 2000 Vertretern1. Azofarben kommen besonders oft in der Textil- und Kosmetikprodukten zum Einsatz, da sie in der synthetischen Herstellung fast unbegrenzte Farbvariationen erlauben.3

Azofarben sind sogenannte “Teerfarben”, welche im 19ten Jahrhundert aus Steinkohleteer gewonnen wurden. Ja, aus einer schwarzen, stinkenden Masse wurden Farben kreiert. Da sieht man mal, was die Chemiker alles können. Heute bezeichnen Teerfarben im weiteren Sinn künstlich hergestellte Farbstoffe.2 Azofarbmittel sind chemisch so anpassungsfähig, dass eine sehr große Bandbreite an Farbtönen und Eigenschaften möglich ist.3 So können immer neue Farben kreiert werden, was Menschen ja auch wollen. Pullover, Lippenstift, Kleid, Lidschatten. Alles Produkte, bei denen wir nicht immer die gleiche Farbe tragen wollen. Azofarbstoffe sind weiterhin günstig, beständig und haben eine tolle Leuchtkraft.10

Das Problem mit den Azofarbstoffen

Sie werden aus aromatischen Aminen hergestellt und bis heute sind 22 aromatische Amine bekannt, die als krebserregend (kanzerogen) im Menschen und im Tier gelten. Die Verwendung und das Inverkehrbringen von Azofarben, die auf diesen 22 aromatischen Aminen basieren, sind in der EU verboten.3 Das ist gut so und schützt den Verbraucher. Und jetzt kommt das fette ABER:

  • Jedes Netz hat Löcher: Die Verbote und Grenzwertregeln gelten zwar für in der EU hergestellte sowie importierte Ware, aber es gibt keine weltweit geltenden Regeln. Unternehmen, die in die EU importieren, sind verpflichtet sich an die EU Regeln zu halten, doch nicht alles kann kontrolliert werden.
  • Reagierend, nicht vorbeugend: Politik reagiert oft erst, wenn etwas schief gegangen ist. Deswegen werden Verbote oft erst im Nachhinein ausgesprochen. Hier ein paar Beispiele: Erst seit 2010 müssen Lebensmittelhersteller, die bestimmte Azofarbstoffe verwenden (E 102, E 110, E 104, E 122, E 129, E 124) folgenden Warnhinweis aufbringen: „Kann Aktivität und Aufmerksamkeit von Kindern beeinträchtigen“.4 Die 22 verbotenen aromatischen Amine sind erst seit 2002 verboten.5 2007 wurde der Azofarbstoff Red 2G (E128) im Lebensmittelbereich verboten, da Untersuchungen zeigten, dass Red 2G im Körper zu einem aromatischen Amin umgewandelt wird, welches im Verdacht steht krebserregend zu sein. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfahl den gleichen Farbstoff vorsichtshalber auch in Kosmetik zu verbieten (CI 18050).6 Er ist heute noch erlaubt. Wieso? Vielleicht weil der Gesetzgeber das Risiko beim Verzehr höher einschätzt, als beim Auftragen auf die Haut. Aber es zeigt, dass die Gesetzgebung nicht immer vorsorglich handelt.
  • Keine Daten: Das folgende Zitat stammt direkt aus der 2009 erschienenen Literaturstudie “Azofarbmittel und deren Hautgängigkeit beim Menschen” vom BGFA – Forschungsinstitut für Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung Institut der Ruhr-Universtität Bochum: “Die möglichen Gefährdungen und Risiken durch die Verwendung von Azofarbstoffen in Kosmetikprodukten sind im Gegensatz zu Textilien nicht untersucht”. Es gibt aber Beweise dafür, dass Azofarbstoffe über die Haut aufgenommen werden und dass dabei aromatische Amine entweder schon auf der Haut oder dann im Körper freigesetzt werden können.7 Mehr noch, es wurde gezeigt, dass durch die Reduktion/Spaltung des Farbstoffs auf der Haut oder im Körper aromatische Amine freigesetzt werden können, die in der Herstellung der Azofarbe gar nicht verwendet wurden! Das würde bedeuten, dass auch wenn Hersteller auf die verbotenen, kanzerogenen aromatischen Amine verzichten, diese vielleicht trotzdem im Körper freigesetzt werden? Um Klarheit zu schaffen müssten Azofarben mit Anwendung in der Kosmetik untersucht werden, damit es auch mal Daten zur Risikobewertung gibt.
  • Allergiepotential: Die Richtlinien in der Kosmetikverordnung konzentrieren sich auf das krebserregende Potential von Farbstoffen. Dabei wird außer Acht gelassen, dass Azofarbstoffe auch allergisches Potential haben können.3 Die Autoren der BGFA Literaturstudie “Azofarbmittel und deren Hautgängigkeit beim Menschen” gehen davon aus, dass Kontaktallergien (aufgrund von Azofarbstoffen) durch die Freisetzung aromatischer Amine ausgelöst werden.

Allgemein gibt es noch zu wenig Daten über die Giftigkeit (Toxitität) von Azofarbstoffen in Kosmetik. Es ist auch extrem schwierig für Laien sich über diese Themen zu informieren und Quellen zu finden, die verständlich sind.

Alternativen?

Wenn man also kein Risiko eingehen möchte, müsste man Azofarbstoffe allgemein vermeiden und das bedeutet nach Alternativen zu suchen. Da Azofarbmittel alle als „synthetisch“ gelten sind sie in Naturkosmetik verboten.8 Naturkosmetikhersteller können auf mineralische oder organische Farbstoffe zurückgreifen. Aber, nichts ist einfach. Rottöne könnnen auch mit dem Inhaltsstoff Karmin hergestellt werden. Dabei sollte man aber wissen, dass Karmin aus zerquetschten Läusen gewonnen wird.9 Wenn man also nicht möchte, dass Tiere für Farbstoff verwendet werden, kann man Karmin nicht benutzen. Alternativen zu Karmin? Chochenillerot A, welches wiederum aber eine Azofarbe ist. Schon mal was von CI77267 gehört? In der Annex IV der Kosmetikverordnung (Liste erlaubter Farbstoffe in Kosmetik) ist der chemische Name für CI 77267 „Charcoal, bone. A fine black powder obtained by burning animal bones in a closed container“. Also verbrannte Tierknochen.

Aber es gibt Hoffnung. Es gibt auch Farbstoffe, die z.B. aus Rote Beete oder Paprika Extrakt gewonnen werden. Fruktarier finden das vielleicht auch nicht so prickelend. Aber letztendlich muss Farbe irgendwoher kommen. Fragt sich nur woher.

 

Farben sind ein sehr komplexes Thema. Deswegen werden wir uns auch in Zukunft damit beschäftigen und euch Informationen liefern!

Wenn dieser Beitrag hilfreich war, würden wir uns freuen dich auch in Zukunft informieren zu dürfen:

 

Quellen:

1 BFR Farben in Kosmetik Toxikologie und Regulation

2 Chemie.de Teerfarben

3 BGFA Azofarbmittel und deren Hautgängigkeit beim Menschen

4 Foodwatch

5 Chemie.de Azofarbstoff

6 BFR Stellungnahme Nr. 009/2008 des BfR vom 14. Januar 2008

7 BfR Farben in der Kosmetik – Toxikologie und Regulation

8 Stiens, R. “Die Wahrheit über Kosmetik”. S.191 Ankum 2014

9 Blanc et noir Inci Kurz und knapp Karmin

10 Knieriemen, H. “Kosmetik-Inhaltsstoffe von A bis Z” S.94ff Baden/München 2014

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